Gib es Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Schweinezucht?

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In letzter Zeit haben sich die Zielkonflikte zwischen Schweineproduktion und Gesellschaft in Österreich verschärft. Eine Gesellschaft, die sich zunehmend von der Landwirtschaft entfremdet, fordert tiergerechtere und umweltschonendere Produktionssysteme. Themen wie Klimawandel, Diversitätsverlust, Ressourcenverbrauch, Nahrungsmittelkonkurrenz, Tierschutz und Tierwohl werden in gesellschaftlichen Diskussion immer präsenter und nachhaltige Lösungen stärker eingefordert. Gleichzeitig müssen österreichische schweinehaltende Betriebe unter den derzeitigen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen überleben.

Um diese Zielkonflikte zwischen Gesellschaft und Schweinezucht zu entschärfen, braucht es nachhaltige Lösungsansätze, welche ökonomisch, ökologisch und sozial verträglich sind. Abseits von Haltungs- und Fütterungsaspekten leistet die Schweinezucht einen wichtigen Beitrag.

Zuchtprogramme – das Kernstück einer erfolgreichen Schweinezucht

Zuchtprogramme sind national zu betrachten. Zudem sind sie dynamisch und passen sich den nationalen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen an.

Ausgehend von einer Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit Schweinefleisch stand bei der Formulierung von Zuchtzielen lange Zeit die Leistungssteigerung im Vordergrund. Ein sehr guter züchterischer Erfolg, vor allem bei der Mast- und Schlachtleistung aller Rassen, wurde rasch erreicht. Heutzutage rückt die tierische Leistung vermehrt in den Hintergrund. Vielmehr rücken Merkmale im Zusammenhang mit einer effizienten Futterverwertung, geringer Umweltbelastung und Vermeidung von Nahrungskonkurrenz in den Vordergrund. Darüber hinaus soll die genetische Diversität erhalten und das Tierwohl positiv beeinflusst werden, was auch die gesellschaftliche Wertschätzung der heimischen Landwirtschaft fördern soll. Diese Aspekte sind schon bzw. werden in Zukunft ein fixer Bestandteil der PIG Austria Zuchtprogramme.

Wo wird schon ein züchterischer Beitrag geleistet?

Fruchtbarkeit und Wurfqualität:

Im Zuchtprogramm der Mutterrassen Edelschwein und Landrasse gab es im Februar 2020 eine wichtige Veränderung - der Wurfvitalitätsindex wurde eingeführt. Dadurch wird die Selektion auf optimale biologische Leistungen (Wurfgröße) bei zeitgleicher Steigerung der Ferkelüberlebensfähigkeit ermöglicht. Vitale Ferkel mit einem einheitlichen Geburtsgewicht sind ein großer und fester Bestandteil im Zuchtziel. Die Ferkelanzahl soll in Einklang mit der Zitzenanzahl (optimal 8/8) der Sau stehen. PIG Austria hat sich bewusst gegen eine einseitige Selektion auf hyperfruchtbare Sauen entschieden, da mit zunehmender Wurfgröße die Überlebensfähigkeit der Saugferkel sinkt. Zudem fordern sehr große Würfe einen sehr hohen Managementaufwand bis hin zu aufwändigen technischen Lösungen (z.B. künstliche Ammen). Diese technischen Aufzuchtlösungen sind gesellschaftlich nicht kommunizierbar und die Tötung von Saugferkeln bei zu hohen Wurfzahlen ist ethisch strikt abzulehnen.

 

Verhaltensmerkmale:

Auf einem Großteil der PIG Austria Zuchtbetriebe werden bereits mütterliche Verhaltensmerkmale erfasst. Umfassende Datensätze von vielen Betrieben sind notwendig, um züchterische Entscheidungen richtig zu treffen. Eine Veröffentlichung des Mütterlichkeitsindexes erfolgt erst bei validen Datensätzen. Hier rüsten wir uns bereits für eine Umstellung auf freie Abferkelsysteme.

Die Wunschvorstellung gegen Schwanz- bzw. Ohrenbeißen zu selektieren zu können ist zu relativieren. Bei dieser Verhaltensstörung handelt es sich um ein multifaktorielles Problem, wobei vorrangig Mängel in der Haltung und Fütterung Schwanz- und Ohrenbeißen auslösen. Für eine züchterische Bearbeitung ist die Täteridentifikation der springende Punkt. Um hier allerdings zuverlässige Daten zwischen Täter und Opfer-Interaktion zu erhalten, bedarf es einer Weiterentwicklung in der Erfassungs- und Auswertungstechnologie (Stichwort: künstliche Intelligenz, Video-Systeme). Darüber hinaus müssen für eine erfolgreiche züchterische Bearbeitung viele und qualitativ hochwertige Daten erhoben werden, was bisher noch eine große Herausforderung darstellt.

 

Fundament:

Langlebige Sauen zeichnen sich durch ein gutes Fundament aus. Zum Zeitpunkt der Selektion wird das Fundament bei allen Rassen durch geschulte Zuchtwarte beurteilt. Ein gutes Fundament steigert nicht nur das Wohlbefinden der Sau (Reduktion von Verletzungen) sondern vermindert auch die Erdrückungsverluste bei den Saugferkeln, da sich die Sau richtig und kontrolliert ablegen kann.

 

Anomalien:

Bei allen Rassen in der Reinzucht sowie Vermehrungszucht werden die Anomalien Hodenbruch, Binneneber, Spreizer, Afterlosigkeit und sonstige Missbildungen erfasst. Zudem werden sogenannte Anomalien-Feldprüfungen der Pietrain-Besamungseber durchgeführt und ein Anomalienindex (Zuchtwertkombination auf Hodenbruch, Binneneber und Spreizer) geschätzt. Eine erste Auswertung hat gezeigt, dass Zuchtfortschritt bei der Reduktion von Hodenbrüchen beim Pietrain erzielt werden konnte. Die Daten der Anomalien-Feldprüfung sowie der Anomalienindex werden zurzeit weiterentwickelt.

 

Umwelt und Ressourceneffizienz:

Die Futterverwertung ist seit Jahren fester Bestandteil aller Zuchtprogramme. Mit einer entsprechenden Gewichtung im Zuchtziel wird ein wertvoller Beitrag zur Reduktion des Futtermittelverbrauchs je erzeugtem Kilogramm Schweinefleisch geleistet. Erste wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Ausland zeigen, dass auch die Zucht auf protein-effiziente Schweine möglich ist. Dazu wird allerdings noch geforscht.

Ab 26. Juni 2022 ist der Einsatz von Zinkoxid (ZnO) bei Schweinen in Österreich verboten und eine Antibiotika-Reduktion in der Schweinehaltung ist anzustreben. Beides wurde bisher bei Absetzdurchfall, welcher durch Eschericha Coli Stamm 18 (E. Coli F18) hervorgerufen wird, eingesetzt. Alternativ dazu besteht in der Zucht die Möglichkeit auf die Resistenz dieser Erreger zu züchten. Bei den Mutterrassen steigt die Anzahl der E. Coli F18 resistenten Sauen und Eber zunehmend. Bei den Vaterrassen wurde erst kürzlich mit einer schärferen Selektion auf E. Coli F18 resistente Sauen und Eber begonnen.

 

Fleischqualität:

In Österreich sind Parameter der Fleischqualität schon sehr lange ein fixer Bestandteil in allen Zuchtprogrammen. Dafür werden jährlich rund 3.000 Tiere an der Mast- und Schlachtleistungsprüfanstalt in Streitdorf geprüft. Die Merkmale pH-Wert im Schinken und Karree, Dripsaftverlust, Fleischfarbe sowie der intramuskuläre Fettgehalt werden erfasst.

Um das Image von Schweinefleisch zu verbessern, wird in Zukunft ein stärkerer Fokus auf geschmacksbeeinflussende Produkteigenschaften bei der Rasse Duroc gelegt.

 

Erhaltung der Biodiversität:

Auch für die kleinen Populationen Duroc und Schwäbisch Hällisches Schwein werden nationale Zuchtprogramme durchgeführt. Bei den Rassen Edelschwein, Landrasse und Pietrain wird außerdem auf eine Linienvielfalt geachtet.

 

Die heimische Schweinezucht hat also bereits einige Lösungen für die bestehenden Zielkonflikte zwischen Schweineproduktion und Gesellschaft anzubieten. Durch die dynamische Formulierung unserer Zuchtziele können wir die derzeitigen und auch künftigen Herausforderungen der Schweineproduktion erfolgreich bestreiten.